Die Printmedien und der Jugoslawienkrieg

Kriegsberichterstattung im Jugoslawienkrieg war nicht interessenlos. Mittels diskursiver Strategien wurde fleißig ein- und ausgegrenzt.
Von Manfred Horn

 
Kriege aller Zeiten und aller Art waren und sind immer auch Kriege der Worte. In den vergangenen zwei Jahrhunderten sind Kriege auch Kriege technischer Medien - Tendenz zunehmend. Ein wirkungsvoller Hebel, um die umfassende journalistische Textproduktion im jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhang zu verorten, bietet die Diskursanalyse. Prominent wird sie in der Bundesrepublik vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) vertreten.
 

Das seit den 1980ern arbeitende unabhängige Institut untersucht die medialen Bruchstellen gesellschaftlicher Entwicklung: vor allem Rassismus, Antisemitismus und Krieg. Jetzt nahm sich Margarete Jäger vom DISS die Berichterstattung in den Printmedien über den Jugoslawienkrieg 1999 vor. Ein Jahr ist seit dem Krieg in Ex-Jugoslawien vergangen. Zeit, allerorts Bilanz zu ziehen. Auch die Medien blicken zurück: In der Süddeutschen Zeitung beispielsweise dürfen sich Tornado-Kampfpiloten beschweren, dass ihnen niemand für ihren Einsatz gedankt habe. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung werden Lehren aus dem Krieg gezogen: Bei einer zukünftigen Intervention müssten die militärischen Fähigkeiten vergrößert werden. Die Berichterstattung über die Kriegsfolgen im Kosovo allerdings ist minimal - kaum noch ein Reporter ist vor Ort. Längst ist die Medienkarawane weitergezogen.

Margarete Jäger vom DISS zieht ihre eigene vorläufige Bilanz. Sie untersucht in ihrem Aufsatz «Legitimierung einer ´humanitären`

Während des Krieges griff die NATO auch zivile Ziele an. Hier ein »Kollateralschaden« Typ serbischer Flüchtlingstreck. In den Pressekonferenzen leugnete die NATO zunächst solche Angriffe.   militärischen Intervention .Der Nato-Krieg in Jugoslawien und die Print-Medien» die Darstellung des Krieges während der Intervention im Frühjahr 1999.


Sie fragt, ob die bundesdeutschen Printmedien Kriegspropaganda betrieben haben. Aufgefallen ist ihr zunächst eine Verunsicherung der Medien. Redaktionelle Anmerkungen zum Beispiel in der Frankfurter Rundschau wiesen die LeserInnen darauf hin, dass die Quellenlage nicht sicher sei. Doch war dies kein ausreichender Schutz vor der Einbindung in die Legitimationsstrategien durch die NATO. Als erste Strategie der NATO, die von den Medien weitestgehend übernommen wurde, benennt Jäger den massiven Einsatz von Bildern. Insbesondere Bilder von Flüchtlingen wurden immer wieder gezeigt. Doch, so fragt sich Jäger, führte die Beschreibung der Kosovo-AlbanerInnen als Opfer auch dazu, dass existente rassistische Zuschreibungen gegenüber ihnen dauerhaft zurückgenommen wurden?

 

Die Zuschreibungen rückten zwar während des Krieges in den Hintergrund, wurden aber nicht grundsätzlich widerlegt. Kosovo-AlbanerInnen blieben in den Medien immer potentielle Kriminelle. Eine weitere Medienstrategie findet Jäger darin, Kriegsgegner tendenziell auszugrenzen. Zahlreiche Vorwürfe trafen die Teile von Bündnis90/Die Grünen, die sich gegen den Krieg aussprachen. Sie wurden als «verantwortungslos» dargestellt.

Eine besondere diskursive Figur stellte die Begründung des militärischen Eingreifens durch einen Auschwitzvergleich dar. Erst als sich Opfer des Holocaust massiv gegen diesen Vergleich wehrten, klang diese Argumentation ab. War nun die Darstellungsweise der Medien identisch mit den Diskursen der PolitikerInnen? Jäger fand heraus, dass die Medien auch eigene Positionen formulierten. Ein Beispiel dafür war die in den Medien forcierte Debatte um einen möglichen Bodenkrieg. Diese Artikel bewertet Jäger als «kriegseskalierend», da sie über die Kriegsrealität hinausgingen. Insgesamt sieht Jäger, dass sich die Presse «in ein militärisches Konzept einspannen ließ, das den Krieg nicht nur rechtfertigte, sondern auch als ´humanitär` erscheinen lassen wollte». Die eingesetzten Strategien bezeichnet Jäger zusammenfassend als subtil und eher darauf gerichtet, die Bevölkerung ruhig zu stellen.

 
«Legitimierung einer ´humanitären` militärischen Intervention. Der Nato-Krieg in Jugoslawien und die Print-Medien»
 
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