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Über den Diskurs Diskurs ist in
aller Munde. Doch nicht immer ist das Gleiche gemeint. |
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| (Fast) jede kennt, fast jeder benutzt ihn: Diskurs ist zu einem Modebegriff geworden. Und doch ist der Umgang mit dem Wort oft fahrlässig - weil es jeweils Unterschiedliches bedeuten kann. Irgendwie geht es um Gesprochenes, Geschriebenes. KommuniCare stellt unterschiedliche Begriffe und Einsatzfelder von Diskurs vor. | ||
| Herrschaftsfreier Diskurs | ||
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Der Sozialwissenschaftler
Jürgen
Habermas sieht in seinem Buch «Strukturwandel
der Öffentlichkeit»
den Diskurs als die Ebene einer Kommunikation, «auf
der die Geltungsansprüche von Normen, Werten und Argumenten, die auf der
Ebene des kommunikativen Handelns zum Problem geworden sind, durch systematische
Begründung wiederhergestellt werden».
(Gripp 1988:163) |
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| Jürgen Habermas | ||
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Aber warum können die problematischen Geltungsansprüche nicht auf der Ebene des kommunikativen Handels gelöst werden? Die Ebene des kommunikativen Handels sorge vielmehr erst für die Probleme, behauptet Habermas. Warum? Weil auf ihr lediglich Informationen getauscht werden. Und auf dieser Ebene die Geltung von Sinnzusammenhängen und die Legitimität von Werten und Normen unproblematisiert hingenommen bzw. vorausgesetzt werden. Für Habermas sind Printmassenmedien keine Orte diskursiver Willensbildung, sondern eine privilegierte Form der Präsentation von Wissen seitens einer kleinen Gruppe: derjenigen, die in Medien veröffentlichen können. Es findet nur einseitige Informierung statt. Habermas sieht in der Moderne einen Strukturwandel der Öffentlichkeit zu einer «vermachteten Öffentlichkeit» hin. |
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| Eine spezifische Printmedienperspektive nimmt der Linguist Teun Van Dijk ein. In seiner analytischen Konsequenz - einer negativen Beurteilung der Massenmedien - lässt er sich nicht weit von der Habermaschen Position entfernt verorten. Doch ist der Begriff des Diskurses bei ihm nicht reserviert für vernunftorientierte Aushandelungen sondern gilt allgemein: Diskurs bezeichnet schlicht eine Aussageformation. Er untersucht die gesellschaftlichen Zugänge und Wirkungen von Diskursen. In seinem Buch «Elite Discourse» sind es die gesellschaftlichen Eliten, die auf Grund ihrer gesellschaftlichen Position das symbolische Kapital und die Macht haben, ihre Interessen in einer Gesellschaft zu verbreiten. Der Großteil der Bevölkerung hingegen kommuniziert nur mit FreundInnen, Nachbarn und ArbeitskollegInnen. Damit werden sie gleichzeitig zu passiven KonsumentInnen der zahlreichen Diskurstypen und Kommunikationsereignisse der Massenmedien, aber auch der Politik, Erziehung und Kirchen. |
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Teun
van Dijk
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| Die Eliten hingegen drücken ihre Macht in sich verbreitenden Diskursen aus. Diese Diskurse, so Van Dijk, können aber nur auf Grund der vermittelnden und verstärkenden Wirkung von Medien mächtig sein. Am Beispiel der Berichterstattung über ethnische Gruppen und Minderheiten erkennt Van Dijk, dass gerade dort die Massenmedien besonders wirkungsmächtig sind, da ein großer Teil der «weißen» - also vermeintlich einheimischen - Bevölkerung nur geringe oder keine alternativen Informationsquellen zur Verfügung hat. Den Massenmedien spricht van Dijk die Informierungskompetenz ab: Warum? Weil in den Massenmedien JournalistInnen aus anderen Ländern, sogenannte «minority journalists» kontinuierlich unterrepräsentiert sind und diskriminiert werden. Das Ergebnis ist, dass die Nachrichten von «white journalists» produziert werden, die mit weißen Gruppennormen aufgewachsen und entsprechenden Werten sozialisiert wurden. Das sorge dafür, dass sie bei jedem Ereignis eine weiße Perspektive einnehmen. Die Eliten reproduzieren durch ihren exklusiven Medienzugang ihre Macht und verstärken zugleich die Gruppendominanz der Weißen (Einheimischen oder hier: Deutschen) innerhalb der Bevölkerung. Van Dijk behauptet weiter, dass die Nachrichten über «ethnische Ereignisse» mit einer begrenzten Zahl von Stereotypen arbeiten, wie zum Beispiel beim Thema Migration. In der Regel werden «ethnische Angelegenheiten» kulturalisiert, d.h. aus ihrem sozialen Kontext herausgenommen. |
| Dialoge sind out | |
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Der Medientheoretiker
Vilem Flusser
nennt in seinem Buch «Kommunikologie»
zwei Formen der Kommunikation, die er als dialogische und diskursive bezeichnet. |
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Vilem
Flusser
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| Andersherum muss jemand, der einen Diskurs verteilt, über Informationen verfügen, die in einem vorherigen Dialog hergestellt wurden. Jeder Dialog ist als eine Serie von Diskursen, die auf Tausch aus sind, zu betrachten. Beispielsweise kann ein wissenschaftliches Buch, isoliert betrachtet, als ein Diskurs interpretiert werden. Im Kontext anderer Bücher erscheint es aber als Teil eines wissenschaftlichen Dialogs. Obwohl Dialog und Diskurs so ineinander verzahnt sind, stellt Flusser eine gegenwärtige Dominanz von Diskursen fest. Die häufige Klage, «man könne nicht kommunizieren», ist ein Beispiel. Obwohl sich (verbale) Kommunikation quantitativ unendlich ausdehnt, gelingt es selten, ´echte Dialoge` zu führen. ´Echt` meint das Gewinnen neuer Information bzw. die Synthetisierung bestehender Informationen zu neuen. Und warum gelingt das kaum? Die Diskurse haben sich ausgestreut. Selbst auf dem ´Marktplatz` als dem historischen dialogischen Zentrum (und Sinnbild für Kommunikation schlechthin) stehen heute diskursive Medien und programmieren die Subjekte, schreibt Flusser. Wer ins 'Café' geht, ebenso wie der 'Marktplatz' ein historischer Dialogort, sieht dort häufig Menschen, die Musik hören oder Zeitung lesen, eben weil sie zuvorderst diskursiv existieren. | |
| Diskurse machen das Subjekt | |
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Es gibt eine weitere
Idee vom Diskurs, die wesentlich vom französischen Philosophen Michel
Foucault geprägt ist. |
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Foucault wendet sich auch strikt gegen sämtliche Widerspiegelungsmodelle:Er sagt vielmehr, dass die historisch-sozialen Gegenstände nicht etwa schon vor dem Diskurs vorhanden seien und sich dann durch einen Diskurs mehr oder weniger gelungen streuen, vielmehr müsse die diskursive Praxis im strikten Sinne als materielles Produktionsinstrument aufgefasst werden, mit dem auf geregelte Weise historisch-soziale Gegenstände - seine Beispiele sind Wahnsinn und Sex - allererst produziert würden. Im Klartext: Erst durch das Sprechen über den Sex ist dieser überhaupt erst entstanden. Zudem koppelt Foucault die diskursive Praxis an nicht-diskursive Bedingungen: die Macht und das Begehren. Diskurse sind demnach einem Machtwillen unterworfen. |
| Im Vergleich |
| Habermas bindet seinen Diskursbegriff als Diskussions- und Verhandlungsebene in eine Theorie kommunikativen Handelns ein. Folglich finden Diskurse - als rationales Verhandlungsinstrument - in den Massenmedien gar nicht statt. Anders als Foucault, für den die Diskurse die Menschen bestimmen, geht Habermas von der Souveränität des handelnden, sprechenden oder schreibenden Subjekts aus. Bei Habermas kann gesellschaftliche Veränderung stattfinden, wenn sich die Menschen an Diskursen geschickt beteiligen - bzw. in einer gesellschaftlichen Idealsituation alle gleichberechtigt sprechen können. Van Dijk sieht Diskurse von ihrer praktisch-analytischen Seite: Diskurse sind für ihn ganz allgemein Argumentationslinien und Begriffsverwendungen. Die Medien sind dabei Lautsprecher der Diskurse und folglich verstrickt in die Produktion von bestimmten sozialen Wahrnehmungen und Ideologien. Er fragt vor allem: Wer ist warum mächtig bei der Herstellung und Verbreitung von Diskursen? Eine Fragestellung ähnlich der von Habermas - nur das beide den Begriff Diskurs in unterschiedlicher Bedeutung verwenden. Was bei Van Dijk ein massenmedialer Diskurs ist, findet sich bei Habermas als nicht-diskursive Ebene kommunikativen Handelns. Flusser wiederum bestimmt Diskurs auch als Negation eines Dialogs (Diskurs ist nicht Dialog, aber beides ist aufeinander angewiesen) und sieht in der gegenwärtigen Gesellschaft eine Dominanz von Diskursen. Das sei schlecht für die zwischenmenschliche Kommunikation, da so kaum Eigenes, Neues an Gedanken entstehen kann. |
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Literatur: |
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| Die Printmedien und der Jugoslawienkrieg | |||||