Schriftsteller und Journalisten im spanischen Bürgerkrieg

Parteilichkeit statt Objektivität war die allgemeine Devise der internationalen Presse

 
Heftig umstritten und vielfach beschrieben war der Spanische Bürgerkrieg von Beginn an; heute wird die Zahl der Bücher und Broschüren auf 25.000 geschätzt. Die bekanntesten literarischen Werke auf Seiten der Republikaner stammen von Ernest Hemingway («Wem die Stunde schlägt») und George Orwell («Mein Katalonien»). Hemingway wie Orwell waren Literaten und Kriegsberichterstatter. Jörg Requate kommt in seinem Aufsatz «Mit Waffen und Worten» zu dem Schluss, dass die republikanische Kriegsbeschreibung wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Das gepflegte Postulat von Unabhängigkeit und Objektivität wurde nicht eingelöst - die weltweit bekannten Journalisten und Schriftsteller nutzten alle Möglichkeiten bis hin zur Fälschung, um mit der Feder für die Republik zu kämpfen. Lesen Sie dazu den Artikel von Jörg Requate:

 

Mit Waffen und Worten

Im Spanischen Bürgerkrieg hatte Kriegsberichterstattung oft wenig mit der faktischen Wahrheit zu tun. Journalisten verstanden sich weniger als neutrale Beobachter, eher als engagierte Kämpfer

   
Claude Cockburn war zufrieden mit sich: Die Reportage, die er zusammen mit Otto Katz - rechte Hand des kommunistischen Chefpropagandisten Willi Münzenberg in Paris - über eine Schlacht im Spanischen Bürgerkrieg verfasst hatte, sei eine der «ergreifendsten und zugleich nüchternsten Kriegsreportagen geworden», die er je gelesen habe. Die Sache hatte allerdings einen Schönheitsfehler. Der Kampf, den die beiden beschrieben, hatte so nie stattgefunden.Er war ein reines Phantasieprodukt, verfasst in einem Pariser Büro. Es ging jedoch weder um einen Scherz noch um schnelles Geld. Das Ziel war ein politisches.
Mit Hilfe der Heldensaga von aufopferungsvoll kämpfenden Republikanern, die waffentechnisch den Francisten hoffnungslos unterlegen waren, sollte die französische Regierung - gebildet aus der »Volksfront» von Sozialisten und Kommunisten - unter Druck gesetzt werden, Waffenlieferungen an die Republikaner zuzulassen. Die Idee stammte von dem Propagandaprofi Katz, doch der Journalist Claud Cockburn hatte keinerlei Bedenken, seine Feder samt Erfahrung und Ortskenntnis zur Verfügung zu stellen. Wieso auch? Eine Sache, die es wert sei, für sie zu kämpfen, so sein Standpunkt, die sei es auch wert, für sie zu lügen - eine Haltung, die der inneren Logik nicht ganz entbehrt.
 
Für den Großteil der Bevölkerung war die Republik eine Befreiung; die Denker im Hintergrund rätselten, wie gegen die Francisten zu gewinnen sei
 
Wie kaum ein anderer Krieg hat der Spanische Bürgerkrieg Schriftsteller, Journalisten, Fotografen und Intellektuelle in seinen Bann gezogen. Ernest Hemingway, André Malraux, Arthur Koestler, Rodrigo Dos Passos, George Orwell, Stephen Spender, Robert Capa und Gerta Taro: Dies sind nur die berühmtesten Namen derer, die nach Spanien kamen, um den Krieg zwischen der linken Republik und den Francisten aus der Nähe zu verfolgen. Die Sympathien waren dabei ziemlich eindeutig verteilt: Die ganz überwiegende Mehrzahl stand auf der Seite der Republik und viele waren zu weit mehr bereit, als ihre Sympathie nur am Tresen einer spanischen Bar zu bekunden.
 
George Orwell war wohl der Bekannteste, der als Kriegsberichterstatter nach Spanien gekommen war und sich in Barcelona einer kämpfenden Einheit anschloss. Andere taten es ihm gleich: Alfred Kantorowicz wurde Offizier der Internationalen Brigade, der sich auch Jim Lardner, Korrespondent der New York Herald Tribune, anschloss und sein Leben verlor. Die Mehrzahl der Journalisten und Schriftsteller bedienten sich jedoch der Waffe, mit der sie am besten umzugehen wussten: die Feder, oder vielmehr die Schreibmaschine, und kämpften damit für die Sache der Republikaner.
   
Wenn aber Pressehistoriker oder Journalisten rückblickend den Schriftstellern und «Berichterstattern» vorwerfen, sie hätten ihren Beruf «verraten», verabsolutieren sie allzu voreilig ein heutiges Verständnis vom Beruf des Journalisten. In den kontinentaleuropäischen Ländern sahen es die Journalisten ohnehin seit langem als ihre vornehmste Aufgabe an, Partei zu ergreifen und Stellung zu beziehen. Dass sie dies auch oder gerade auch im Spanischen Bürgerkrieg taten, kann daher kaum verwundern. Erstaunlich ist allerdings, dass auch britische und amerikanische Journalisten - viel vertrauter mit dem Anspruch auf journalistische Objektivität - angesichts des Krieges eben diesen Anspruch offenbar ohne großes Zögern hinter sich ließen. «Es war einer dieser Momente in der Geschichte, in der kein Zweifel möglich war», sage Martha Gellhorn, die spätere Frau Hemingways und ebenfalls im Spanischen Bürgerkrieg engagiert. (Phillip Knightley, 1975, S. 192)
Ein Plakat der Republikaner gegen die vereinte Macht von Kirche, Konservativen und Kapital
 
Und auch für den Korrespondenten der New York Times, Herbert Matthews, war klar, dass es um mehr ging als irgendeinen lokalen Konflikt: «Was hier auf dem Spiel stand, waren Recht, Gerechtigkeit, Moral, Anstand», und in der selben Gewissheit wie Martha Gellhorn fuhr er fort: «We knew, we just knew». (Herbert Matthews, 1964, S.67f)
 
Vor diesem Hintergrund fiel es denn auch nicht wirklich ins Gewicht, ob das, was man schrieb, der beobachtbaren Wirklichkeit entsprach oder ob ein Foto gestellt war, hatte man doch die höhere Wahrheit auf seiner Seite. Saß allerdings in den Redaktionen der heimischen Zeitungen jemand, der die einfache der höheren Wahrheit vorzog und aus dem Gemisch von Überzeugungstäterschaft, Zensur, Propaganda, Gerüchten und Nachrichten einen Ablauf der Geschehnisse rekonstruieren wollte, so war er kaum zu beneiden. Mit einer besonders schlauen Idee meinte die New York Times sich aus der Affäre ziehen zu können. Um dem Objektivitätsanspruch gerecht zu werden, sandte man einen Korrespondenten auf Francos Seite und einen auf die Seite der Republikaner, was auch bedeutete, dass sich beide mit «ihren» jeweiligen Seiten identifizierten. Doch anstatt zu versuchen, aus den verschiedenen Berichten eine halbwegs adäquate Darstellung heraus zu destillieren, gab man beiden Korrespondenten in der Zeitung genau den gleichen Raum für ihre Berichte - im Ergebnis ein Desaster. So lieferte etwas im Dezember 1937 der Korrespondent auf Seiten Francos, ein Katholik, der sich deren Hass auf die Republikaner zu eigen gemacht hatte, einen Augenzeugenbericht über die Einnahme der Stadt durch die Francisten. Kurze Zeit später schickte der Korrespondent der Gegenseite eine Reportage, die das genaue Gegenteil bezeugte. Da die Belege ziemlich eindeutig waren, druckte die New York Times auch diesen Bericht und führte das Verfahren damit ad absurdum. Den Lesern der New York Times blieb am Ende wenig mehr übrig als den Lesern der meisten anderen Zeitungen auch, nämlich das zu glauben, was sie glauben wollten.
 
Die Besonderheit des Spanischen Bürgerkriegs bestand nicht darin, dass auf beiden Seiten der Barrikaden Propaganda betrieben wurde. Außergewöhnlich aber war, dass nahezu alle beteiligten Journalisten sich freiwillig auf die eine oder die andere Seite schlugen - die Frage war nur noch, ob mit dem Gewehr oder mit dem Wort als Waffe.
Autor: Jörg Requate

Zur Person:
Dr. Jörg Requate ist Assistent an der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, Universtität Bielefeld. Seine Dissertation verfasste er zur Journalismusgeschichte.

 

Literatur:
Matthews, Herbert: The education of a correpondent. New York, 1964
Der Artikel ist auch zu lesen in: message, Heft 1-99. Online-Ausgabe: http://www.message-online.com

   
Wem die Stunde schlägt - Hemingway und sein spanischer Bürgerkrieg
Die Geschichte des spanischen Bürgerkriegs - wenn die Stunde schlägt