Tod und Gewalt: Verdrängung oder Verarbeitung?

 
Mit dem Golfkrieg hat die öffentliche Berichterstattung eine neue Ära erreicht. Die Welt saß vor dem Fernseher. Blut, Tote, Verstümmelungen. Die schrecklichen Bilder lassen den Zuschauer nicht mehr los. Jeder Sender bringt es, man ist live dabei.

Rupert Neudeck, selbst Journalist und Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur, kennt die Gefahren, die das Hochgeschwindigkeitsmedium Fernsehen mit sich bringt. Neudeck weiß um die Flüchtigkeit der Themen. Er warnte deshalb auf den 33. Mainzer Tagen der Fernsehkritik vor dem «Diktat des Aktualitätsterrors». Die Kriegsberichterstatter vor Ort filmen ungleich mehr Leid, als tatsächlich ausgestrahlt wird. Jeder Kriegsberichterstatter trägt Eindrücke in sich, die ihm gegenwärtig bleiben. Eindrücke, mit denen die Journalisten umgehen müssen. Halim Hosny berichtet: «Man registriert das zunächst nur. Da stellen sich bei mir nicht sofort Gefühle ein. Das wird nur zur Kenntnis genommen.» Es stellt sich die Frage, wann der Geist nach diesen Ausnahmesituationen abschalten kann.

Der 65-jährige Friedhelm Brebeck: «Wenn Sie Korrespondent sind, dann sind Sie eben oft genug um vier Uhr auf den Beinen und nachts um eins immer noch. Samstags und sonntags ohnehin und Ostern, Pfingsten, Weihnachten». Brebeck - mittlerweile pensioniert - hat durch seine Arbeit in Bosnien und im Kosovo 680 sogenannte Freizeittage angesammelt. Freizeittage sind eigentlich als Ausgleich zu den nervenaufreibenden Arbeitsbedingungen gedacht. Aber der Beruf fordert Opfer: er drängt den Journalisten, immer am Ball und immer aktuell zu bleiben.

Was passiert mit jemandem, der einen Ausgleich niemals in Anspruch nimmt, um die Gedanken von Toten und Verstümmelten wieder zurück in normale Bahnen zu lenken? Nachdem der ZDF-Korrespondent Halim Hosny in Montenegro aus serbischer Gefangenschaft befreit worden war, erkannte er für sich Handlungsbedarf: «Zu dem Zeitpunkt hatte ich mit meinem Leben bereits abgeschlossen. Nach diesem Vorfall war für Intendanz, Chefredaktion und Hauptredaktionsleiter klar, dass dieses Ereignis nicht einfach abgehakt werden konnte. Man bot mir daraufhin eine Kur an. Es ist eine Bewegungstherapie mit viel Sport, die auch Spezialisten von Anti-Terror-Einheiten nach ihren Einsätzen bei Geiselnahmen bekommen». Der 40-jährige Hosny sieht den Handlungsbedarf aber nicht nur bei sich selbst. Er glaubt generell, dass die deutschen Journalisten im internationalen Vergleich zu wenig betreut werden: «In Frankreich, England und den USA werden Kurse angeboten. Eine Vor- und Nachbereitung von drohenden und erlebten Konflikten ist nicht außergewöhnlich. Das ist auch wichtig. Jeder Journalist muss wissen, was ihn bei seinem nächsten Einsatz erwartet, und mit welchen Gefahren er zu rechnen hat. Auf diesem Gebiet ist Deutschland noch rückständig», sagte er 1999 in einem Interview mit dem Journalistik Journal.
Patrick Leclercq macht gegenüber KommuniCare klar: «Das ist ein Prozess, der Jahre in Anspruch nimmt und für den es keine Rezeptur gibt. Die Zeit heilt die meisten Wunden.»
 
Erlebnisse: Nicht alles besteht aus Blut und Leid

Kriegsberichterstattung: Job oder Lebenseinstellung?